Bildung die schützt. Wie PAS Jugendlichen Strategien und Instrumente zum Selbstschutz vermittelt.

Interview mit Zenaide Rodrigues, Koordinatorin von Pensamiento y Accion social (PAS) und Verantwortliche des Begleitprogrammes von PWS in Kolumbien. Sie spricht über die Beteiligung der Jugendlichen am Schutz und der Bewahrung des gemeinschaftlichen Landes.

Workshop
Zenaide Rodrigues beim Leiten des Workshops: „Stärkung der Beteiligung der Jugendlichen an der Bewahrung des gemeinschaftlichen Landes“ mit Jugendlichen des Vereins ASOCAB in Las Pavas. 19.08.2017. Foto: Guillaume Bégert (PWS).

Könntest du in einigen Sätzen beschreiben für was sich PAS in Kolumbien einsetzt?

PAS ist eine Kolumbianische Organisation, die kleinbäuerliche Gemeinschaften und Organisationen von MenschenrechtsverteidigerInnen unterstützt und begleitet. Dazu gehören Campesinas und Campesinos, Gemeinschaften von Indigenen und AfrokolumbianerInnen. PAS legt dabei einen Fokus auf Frauen und Jugendliche.

PAS arbeitet in drei Themenbereichen: Friedensförderung, Land und Menschenrechte und Sicherheit und Schutz. Mit ihren Aktivitäten auf diesen Bereichen stärkt PAS die begleiteten Gemeinschaften und Organisationen und vermittelt ihnen Strategien für die politische Einflussnahme, hilft ihnen sich in Netzwerken zu organisieren, Sicherheitsanalysen zu erstellen und sich Strategien und Instrumente zum Selbstschutz zu erarbeiten.

Zusätzlich führt PAS Recherchearbeiten um die Zusammenhänge von Unternehmen (wie z.B. von Glencore), deren Einfluss auf die Menschenrechtslage und den Schutz von MenschenrechtsverteidigerInnen durch.

 

Wie schätzt du die aktuelle Situation in Bezug auf Sicherheit und die Wahrung der Menschenrechte der von PAS und PWS begleiteten kleinbäuerlichen Gemeinschaften in der Region Magdalena Medio nach dem Friedensschluss der Regierung mit der FARC ein?

Das Land befindet sich im ersten Jahr der Umsetzung des Friedensschlusses aktuell in einer extrem komplexen gesellschaftlichen und sozialen Lage. Die politischen Dialoge gestalten sich sehr schwierig, insbesondere, da Teile der Kolumbianischen Gesellschaft mit allen Mitteln versuchen die Umsetzung des Vertrages zu torpedieren und zu diskreditieren und es gibt weiterhin Teile der Gesellschaft welche trotz ihren Zugeständnissen zu den Zielen des Friedensvertrages sich weigern die Waffen niederzulegen.

Die Sicherheitslage für KleinbäuerInnen und der MenschenrechstsverteidigerInnen ist weiterhin besorgniserregend und sehr gefährlich in weiten Teilen des Landes, und es fehlen weiterhin Mechanismen, welche den Fortbestand der Gewalt unterbinden könnten. Gemäss dem Nationalen Bericht der Defensoria del Pueblo (eine staatliche Organisation für die Überwachung der Menschenrechte) zeigt sich insbesondere in ländlichen Gebieten, dass momentan eine Neuorganisierung und ein Ausbau der Strukturen von Paramilitärischen Gruppierungen stattfindet auf den Territorien, welche früher unter der Kontrolle der FARC standen. Diese Umstrukturierung bringt auch neue bewaffnete Konflikte mit sich, dort wo einzelne dieser illegalen Gruppen um Einfluss, Land und den Zugang zu Ressourcen, auch illegalen (wie Drogenanbau, oder illegalem Abbau von natürlichen Ressourcen) kämpfen.

Eine ähnliche Situation wie auf nationaler Ebene spielt sich auch in der Region Magdalena Medio ab. In Barrancabermeja haben regionale Menschenrechtsorganisationen und Menschenrechts­verteidigerInnen haben wiederholt Drohungen bekommen, auf Flyer gedruckt, oder per Anruf, oder SMS. In den begleiteten Gemeinschaften rücken die illegalen bewaffneten Gruppierungen immer näher an ihr Land heran.

 

Seit 2015 führt PAS eine innovative Sensibilisierungs- und Bildungsarbeit mit Jugendlichen durch. Warum erscheint euch gerade die Arbeit mit Jugendlichen als wichtig?

Seit 2014 verfolgt PAS im Magdalena Medio eine Strategie der Netzwerkarbeit und fördert die Vernetzung von Campesinos und Campesinas untereinander mit dem Ziel sich auszutauschen und zu organisieren in Bezug auf den Schutz ihres Landes. PAS unterstützt die Gemeinschaften dabei sich zu vernetzten.

Innerhalb dieser Arbeit hat PAS unter anderem einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit den Jugendlichen und den Frauen der Gemeinschaften gelegt. Diese beiden Gruppen sind fundamental wichtig wenn es darum geht, den Verbleib und den Schutz des Landes sicher zu stellen.

Verschiedene Aktivitäten wurden verfolgt:

Die Sensibilisierung der übrigen Gruppen der Gemeinschaft hinsichtlich der Bedeutung der Jugendlichen und der Frauen für den Schutz der Gemeinschaften und deren Landes; die Stärkung des Dialoges zwischen den Generationen; das Erarbeiten einer gendersensitiven und jugendfreundlichen Methodik für das Thema Schutz und Sicherheit; und die Ausarbeitung einer speziellen Sicherheitsanalyse für Jugendliche, Kinder und Frauen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es Jugendliche und Frauen für das Thema der Sicherheit und des Schutzes ihres Landes zu sensibilisieren und sie zu befähigen zu wichtigen und aktiven Akteuren innerhalb ihrer Gemeinschaften zu werden.

Füsse
Gruppenarbeit mit der Künstlerin Yolanda Consejo Vargas en Buenos Aires, 19.08.2017. Foto Guillaume Bégert (PWS).

 

Wie führt ihr diese Arbeit durch?

Die Methodik des Themenbereiches Schutz und Sicherheit von PAS ist es schon vorhandene Fähigkeiten, Erfahrungen und Know-how im Bereich Selbstschutz und Sicherheit zu stärken und auszubauen und zu bündeln, so dass der Handlungsspielraum der Gemeinschaft für ihre Rechte zu kämpfen beibehalten werden kann. Das Ziel ist es auf diese Weise die Grundvoraussetzungen zu schaffen, damit sich die Gemeinschaften und MenschenrechtsverteidigerInnen selber zu schützen wissen.

Bei der Arbeit mit den Jugendlichen und Frauen setzt PAS den Schwerpunkt 2017 auf die kollektive Erinnerung. Ziel ist es in gemeinschaftlicher Arbeit die Erinnerung der Gemeinschaft, deren Kampf um ihr Land aufzuarbeiten. Auf diese Weise wird das Bedürfnis gestärkt dieses Land zu verteidigen und die Prozesse, die vor langer Zeit begonnen wurden, weiterzuführen. Diese Geschichtsaufarbeitung stärkt auch den inneren Zusammenhalt der Gemeinschaft.

 

Wie verläuft diese Arbeit konkret? Wie werden die Jugendlichen im Thema Menschenrechte, Schutz und Sicherheit des Landes gestärkt? Was sind die vorgesehenen Aktivitäten?

Der Schlüsselmoment der Arbeit mit den Jugendlichen war für mich sicherlich, als die Leader der Gemeinschaften die Wichtigkeit des Einbezuges der Jungen erkannt und begonnen haben diese in die Entscheidungsprozesse und die Aktivitäten des Selbstschutzes der Gemeinschaften einzubeziehen.

Ein weiteres wichtiges Element war die Jugendlichen und die Frauen darin zu unterstützen, sich selber als fundamental wichtige Akteure in den Gemeinschaftlichen Prozessen wahrzunehmen, die sie sind. Sie haben begonnen sich eine eigene Identität zu schaffen, sich zu identifizieren mit ihrem Land und sich als Akteure in politischen und sozialen Prozessen zu verstehen, sich als MenschenrechtsverteidigerInnen zu fühlen.

Um diese Ziele zu erreichen haben wir verschiedene Aktivitäten durchgeführt. Es wurden verschiedene Plattformen mit Einbezug von allen Gemeinschaften und anderen begleitenden Organisationen geschaffen. Es wurden Treffen organisiert um sich weiterzubilden und Kontext- und Sicherheitsanalysen zu erstellen.

Im 2017 haben wir zusätzliche kulturelle Aktivitäten initiiert, Das Malen von Graffiti und Theater, welche den Jugendlichen und Frauen zusätzliche Mittel zur Verfügung stellt sich auszudrücken und die Geschichte ihrer Gemeinschaft zu verinnerlichen.

Jugendliche
Zwei Jugendliche von ASOCAB arbeiten an einem Graffiti-Projekt in Buenos Aires, 19.08.2017. Foto: Guillaume Bégert, PWS.

 

Wie setzten die Jugendlichen der Gemeinschaft ihre Aufgabe um?

Nach drei Jahren der Arbeit an den Themen des Selbstschutzes und dem Schutz ihres Landes sind sich die Jugendlichen über ihre Verantwortung und die Wichtigkeit ihres Mitwirkens in den Gemeinschaften bewusst. “ Wir fühlen uns nun als Teil der Erinnerung der Gemeinschaft”. Dieser Gemeinschaftssinn und das Bewusstsein für ihre wichtige Rolle, welche sie in den gemeinschaftlichen Prozessen innehaben ist auch eine Motivation für neue Jugendliche, welche heranwachsen sich zu engagieren für die Sicherheit der Gemeinschaft und deren zukünftigen Verbleib auf dem Land ihrer Eltern.

In den meisten Gemeinschaften übernehmen nun vermehrt Jugendliche und Frauen verantwortungsvolle Aufgaben im Bereich der Sicherheit: Sie suchen nach Lösungen in Notfällen, kommunizieren mit Organisationen und lokalen Behörden und engagieren bei neuen Initiativen, welche den Schutz der Gemeinschaften garantieren.

 

Text, Interview und Bilder von Aïcha Bouslama und Guillaume Bégert, aktuelles PWS-Team in Kolumbien.

 

 

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