Der «Patojismus» – selbstbestimmtes Lernen in Guatemala

Am 21. Juli kommen wir im farbenfrohen Jocotenango, nahe bei Antigua Guatemala, an. Wir freuen uns sehr darauf, uns auf dem geschmückten Schulhof unter die Kinder zu mischen, und werden dort auch herzlich empfangen. Wir finden hier eine Quartierschule, deren Gründer nicht als solcher bezeichnet werden möchte. Für ihn ist «Los Patojos» («die Kinder» in der Umgangssprache der spanischsprechenden GuatemaltekInnen) ein weitaus vollständigeres Programm als das, was die Leute gemeinhin unter «Schule» verstehen.

Juan Pablo Romero Fuentes ist 33 Jahre alt. Die letzten 13 Jahre hat er seinem Gemeinschaftsprojekt gewidmet. Aufgrund der Gewalt und der Armut in seinem Quartier und der Verletzlichkeit der Jugendlichen, die vom organisierten Verbrechen angeworben werden, entschied er, sein erstes soziales Experiment zu wagen. Sein Zugehörigkeitsgefühl zu seiner Gemeinschaft ist sehr stark, weshalb er sich auf Jocotenango fokussiert. Er kennt die Probleme dieses Städtchens bestens: «Ich wollte nicht das Land als Ganzes in den Blick nehmen, sondern mein Quartier. (…) Bevor ich Guatemalteke bin, bin ich Jocoteke.» Zu Beginn war seine Idee simpel: er nimmt die Garage seiner Eltern in Beschlag und beginnt dort, Kinder aus der Umgebung jeden Nachmittag zu empfangen. Sein Ziel ist es, die Kinder zum Nachdenken über ihr Leben anzuregen und vor allem ihren kritischen Geist zu schärfen. Die Neuigkeit sprach sich herum und immer mehr Kinder kamen, so dass die FreundInnen von Juan Freiwillige suchten, die ihm halfen. Ein paar Jahre später zügelte der Treffpunkt in das Gebäude, wo er sich heute befindet, und das Auto von Juans Eltern hatte seinen Platz in der Garage wieder. Juan bezeichnet das Projekt als sehr persönlich. Er hat es aus Gründen der Würde und des Stolzes ins Leben gerufen. Es hat nichts mit einem Opfer seinerseits zu tun, sondern ist vielmehr seine Art, sich zu involvieren und zu engagieren, ohne mit einer Partei oder einer politischen Bewegung mit obskuren Praktiken verbunden zu sein, wie er sich ausdrückt.

Juan Pablo Romero Fuentes, Gründer von Los Patojos, mit seinem Hund Patojo

Heute benutzen 370 Kinder zwischen 4 und 18 Jahren und 50 Jugendliche zwischen 18 und 30 Jahren gratis die Infrastruktur und nehmen am Unterricht von LehrerInnen teil, die mehrheitlich als Freiwillige arbeiten und aus dem Quartier stammen. Jährlich kommen 15 bis 20 neue SchülerInnen dazu. Morgens findet ein eher klassischer Schulunterricht mit Fächern wie Mathematik oder Literatur statt. Was das Spezielle des «Patojismus» ausmacht, die neue pädagogische und soziale Bewegung, wie ihr Begründer sagt, ist der Unterricht am Nachmittag. Da können die SchülerInnen während dreier Stunden an Workshops ihrer Wahl teilnehmen: Kochen, Breakdance, Theater, grafische Kunst, Musik, Fotografie usw. Die unterschiedlichen Vorlieben sollen bedient und verschiedene Möglichkeiten für die Jugendlichen geschaffen werden, Fragen zu stellen und sich Meinungen zu bilden.

Der «Patojismus» konkretisiert sich durch vier Pfeiler, die den Kindern den Zugang zu mehreren fundamentalen Rechten gewährleisten. Zuallererst verfügt das Projekt über ein Programm zur Ernährungssicherheit: je eine Mahlzeit morgens, mittags und abends werden täglich allen SchülerInnen angeboten. Das Gesundheitsprogramm bildet den zweiten Pfeiler. Ein Arzt steht zur Verfügung und eine ärztliche Routineuntersuchung (Blutdruck, Gewicht, Grösse etc.) kann regelmässig durchgeführt werden. Der dritte Pfeiler ist der Zugang zur Bildung. Einer Bildung, die sich damit rühmt, unabhängig von den westlichen Bildungsempfehlungen zu sein, und die eine neue Methodologie vorschlägt, die allen zugänglich ist. Juan spricht vom Qualitativen des «Projekts der Liebe», um eine Ideologie zu beschreiben, welche die persönliche Entwicklung der Jugendlichen ihrer intellektuellen Stärke voranstellt. Die Kunst, die gemeinschaftliche Organisation, Kultur und Sport bilden den vierten Pfeiler.

Der gemeinsame Entscheidungsprozess steht ebenfalls im Fokus dieser Bildungsmethode. So studieren die LehrerInnen mit den SchülerInnen Pavlov und die Konditionierung, um mittels eines Experiments die demokratische Ideologie der Schule zu beweisen: bis heute benötigten die SchülerInnen nie eine Glocke, um das Ende der Lektionen anzuzeigen. Diese Woche haben die LehrerInnen und SchülerInnen gemeinsam entschieden, eine Glocke einzusetzen, um das Verhalten der Letztgenannten vor dem Hintergrund der neuen Regel zu analysieren. Sie vereinbarten dann eine Diskussion, um zu einem Entscheid zu kommen, ob sie zum alten System zurückkehren wollen oder nicht, und vor allem, um ihren Entscheid zu begründen.

Eine Gruppe SchülerInnen während eines Theaterworkshops

Juan Pablo ist zwar Autodidakt, aber trotzdem von gewissen pädagogischen Strömungen, wie Montessori oder Paulo Freire, beeinflusst. Er rühmt sich damit, dass seine Schule kein Mobbing kenne, ein Phänomen, das vor allem in Europa und Lateinamerika beunruhigende Ausmasse angenommen hat. Seine Antwort auf die Frage, wie die Schule die Kompetenzen der Frauen stärke oder auch die Jugendlichen für ein inklusives Umfeld sensibilisiere, in dem jede und jeder sich selbst sein kann, überrascht: «Ich glaube, dass die Genderkonzepte spalten und uns nicht dazu dienen, uns zu einen.» Und er fügt an, dass die Schule keine Diskussion darüber toleriert, ob irgendein Schüler oder eine Schülerin homosexuell, indigen, klein oder gross sei, sondern dass diese Unterschiede schlicht keiner Diskussion bedürften. Anstatt diese Vielfalt wertzuschätzen und sie für den gegenseitigen Austausch zu nutzen, sagt Juan, dass er sie nicht «herausstellen möchte».

Nach diesem Gespräch verstehen wir, dass «Los Patojos» den Leidenschaften der Kinder und Jugendlichen den Vorrang gibt. Deshalb versucht das Projekt, die Jugendlichen zu Lebensentwürfen zu ermutigen, die nicht traditionell sind und die persönliche Entfaltung in den Mittelpunkt stellen. Es möchte Lust darauf machen, zu studieren, sich stark genug zu fühlen, um von der Strasse wegzukommen, seine eigenen und die Leidenschaft der anderen zu entdecken und auch über den lokalen und nationalen Kontext nachzudenken. Unterscheiden sich «Los Patojos» darin von öffentlichen Schulen? Gemäss Juan Pablo sind die LehrerInnen die wichtigsten Motoren seiner Schule: Sie sind «aus Stolz hier und nicht wegen des Lohns». Sie haben sich alle ihrer Gemeinschaft verschrieben, geben sich immer mehr hinein und machen so die Schule noch dynamischer. Zudem sind es die Jungen, welche «die Kontrolle über ihre eigene Schule innehaben» – das Beispiel mit der Schulglocke zeugt davon.

Trotz des Willens, den guatemaltekischen Kontext zu verändern, ist die Realität der strukturellen Gewalt nie weit. «Los Patojos» erhalten regelmässig Drohungen der lokalen Regierung. Es kam zu Nötigung und Unbekannte sind eingebrochen, um den Schulgründer einzuschüchtern. Genau wie die Gemeinden, die für ihr Land kämpfen, werden die BürgerInnen, die sich für einen Ort des Dialogs und des kritischen Geistes einsetzen, kriminalisiert und sie müssen zahlreiche Hindernisse überwinden, bevor sie ihre Grundrechte in Anspruch nehmen können.

Die Drohungen machen Juan Pablo aber kaum Angst. Er hat vielmehr noch andere Projekte am Laufen. Eine Schule, die voll und ganz lokal finanziert ist – im Unterschied zu «Los Patojos», welche den Grossteil der benötigten Mittel aus dem Ausland erhält, vor allem von Stiftungen und privaten Spenden. Wir dürfen sogar das Land und das Gebäude anschauen. Die ganze Arbeit steht noch bevor – Juan Pablo hat Ambitionen! Ein riesiger Garten gegenüber des Vulkans Acatenango in einem Dorf ein paar Kilometer von Jocotenango entfernt. Hier werden in zwei Jahren Klassenzimmer sein, ein Fussballplatz, ein Fotolabor, Räume für die medizinische Versorgung, Schlafräume und vieles mehr. Juan Pablo kommt hierhin, wann immer einen Moment Zeit hat: seine Freizeit, sein Schweiss und seine Energie steckt er hier hinein. Auch wir werden versuchen, an unseren nächsten freien Tagen mit Hand anzulegen!

Alexia Bonato und Tullio Togni, Guatemala, September 2017

Weitere Informationen auf http://lospatojos.org.gt

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