Ein unvergessliches Gespräch

Als Aco (Acompañante bzw. MenschenrechtsbegleiterIn) hat man auch freie Tage zur Erholung. Ich bin auf dem Weg nach Panachajel, Ortschaft am berühmten, weil landschaftlich so schönen Lago de Atitlán. «Warst Du schon am Lago?» hatte mich eine Kollegin kürzlich gefragt. Ich wusste genau, welchen See sie meinte, denn nur dieser schönste aller Seen von Guatemala wird abgekürzt so genannt. «Nein, aber ich will noch gehen», sagte ich, denn ich hatte mir schon lange vorgenommen, vor der Rückkehr in die Schweiz dort meine letzten freien Tage zu verbringen.

Und nun ist es soweit.

Besser auf Nummer Sicher gehen?

Am Morgen hat mich eine Kollegin unter der Türe darauf aufmerksam gemacht, dass an vielen Strassenkreuzungen heute Demonstrationen stattfänden, und ich womöglich erst sehr spät abends am Ziel eintreffen werde, wenn überhaupt. «Sie wollen, dass der Präsident die Schuhe klopft!», fügte sie noch bei. «Besser zu Hause bleiben? Sonst passiert mir womöglich noch etwas Arges am Ende meiner Aco-Zeit», fuhr es mir blitzschnell durch den Kopf. «Eine Warnung? – Wie schnell man doch abergläubisch wird!» Zum Glück hatte ich bereits ein Buch eingepackt, wie ich es stets mache, wenn ich allein unterwegs bin. So bestieg ich dennoch das bestellte Taxi und wir fuhren los in Richtung Busstation.

Nun bin ich im Bus unterwegs. Der Himmel ist von Wolken verhangen, aber wir kommen flott voran. «Wunderbar», denke ich, «und wenn das Wetter so bleibt, dann besuche ich Museen, statt ein Schiff über den See zu nehmen. Es gibt überall etwas Interessantes.» In den freien Tagen war ich stets auch ein wenig auf den Spuren der alten Maya-Kultur gewesen.

Bereits haben wir die alte Hauptstadt, Antigua Guatemala, westlich von Guatemala-Stadt links liegengelassen und das Departement Sacatepéquez durchquert. Wir sind im Departement Chimaltenango, wo sich die Panamericana nach Norden wendet. Bald werden wir in der Nähe von Iximché vorbeifahren, der alten Hauptstadt der Kak’chikeles, gegründet 1463, als diese sich von den Quichés[1] weiter nördlich getrennt hatten. Hun Toh und Vukub Batz waren damals ihre Könige. So steht es im Guatemalaführer, den ich unterwegs fleissig zu konsultieren begonnen habe.

Auf einmal steht der Bus nun doch still. Ich beachte es zuerst gar nicht.

 

 

 

 

 

Karte aus dem Museo Lacustre in Panachajel. Der Lago Atitlán ist blau eingezeichnet zwischen den rot und gelb markierten Territorien der Indigenen vor der spanischen Eroberung.

Stillstand und Blick zurück

Erst nach einer Weile, als ich dringend eine Toilette aufsuchen muss, versuche ich mir einen Überblick über die Warterei zu verschaffen. Unser Bus steht eingeklemmt in einer doppelten Kolonne. Der Chauffeur ist nicht mehr im Bus. Aber die Passagiere sind fast alle ruhig auf ihren Plätzen geblieben.

Offenbar stehen wir schon fast eine Stunde hier. «Ursache des Halts sei die Demonstration, ‘sie’ seien aber am Verhandeln wegen der Durchreise», vernehme ich. Ein freundlicher Herr hütet mir den Rucksack im Gepäckträger, so wie ich ihm zuvor diesen Dienst auch erwiesen habe, als er austreten ging. Nun knabbere ich ein paar Salznüsschen und lösche den Durst mit Wasser. Dann verstaue ich den Reiseführer und hole mein Genozid-Buch zum Rucksack heraus: Roddy Brett, «THE ORIGINS AND DYNAMICS OF GENOCIDE. Political Violence in Guatemala», 2016. – Auf einmal ergibt sich ein Gespräch. Hat der Herr (es ist nicht derselbe, der mir zuvor den Rucksack gehütet hat) den Titel auf dem Buchdeckel gelesen? Darunter ist ein Bild zu sehen mit Händen, welche das Foto einer im Conflicto Armado Interno / Internen bewaffneten Konflikt (CAI, 1960-1996) verschwundenen Person zeigen.

Unser Gespräch …. (folgt weiter unten)

«Welch ein Glück, dieser unverhoffte Halt», denke ich später, als wir wieder fahren. Man wird oft dort reich beschenkt mit Vertrauen, wo man es gar nicht erwartet. Einmal mehr durfte ich das erleben. Das Kostbarste wohl, was es gibt.

In Panachajel besuche ich dann tatsächlich zwei Museen, denn die Regenwolken bleiben und gewähren nur wenige Blicke auf die drei majestätischen Vulkane am Lago (es sind dies: Volcán San Pedro, Volcán Tolimán und Volcán Atitlán).

Lago Atitlán am 13. Juli 2017 (oben) und aus der Werbung[2] (unten): http://static.panoramio.com/photos/large/1831875.jpg

Der blaue Himmel spiegelt sich zwar nicht im Blau des Sees. Aber in meinem Inneren gibt es kurze Momente, in denen sich die Geschichte der Gegend in den Menschen der Gegenwart spiegelt. Und das ist nur möglich dank des Gesprächs im Bus!

So erlebe ich viel in diesen drei freien Tagen, auch ohne Sonnenschein. Und ausserdem bleibt ein kleiner ‘Trost’ für die bald heimkehrende Aco-Volontärin: «Unsere Seen in der Schweiz sind ebenso schön!»

Das Gespräch

«Ich bin 1979 geboren.»

«Ach so, und ich 1949, vier Jahre nach dem Krieg.»

«Wir waren eine grosse Familie: Vater, Mutter und 10 Kinder. Ich war einer der Jüngsten. Mein Vater konnte vor dem Krieg [gemeint ist der oben erwähnte interne bewaffnete Konflikt von 1960 bis 1996] weder lesen noch schreiben. Aber die schweren Kriegserfahrungen weckten in ihm das dringende Bedürfnis, wenigstens so viel Basiswissen zu erwerben, dass er die zuweilen von der Armee gestreuten Flugblätter mit Informationen oder Drohungen selber lesen konnte. Und danach liess er sich noch zum Lehrer ausbilden. In diesem Beruf, als Grundschullehrer für die ganz Kleinen, arbeitete er von 1979- ca. 2000 an der Schule San Martin Jilotepeque im Departement Chimaltenango. Zuvor hatten wir bloss von dem Wenigen gelebt, was wir selber anpflanzten. Ausserdem waren ein paar Tiere da.

Zurück ins Jahr 1982, in die ärgste Zeit des Konflikts: Ab und zu rief meine Grossmutter an und fragte, ob wir noch Milch von der Kuh bräuchten. Sie besass im Gegensatz zu uns nämlich eine Kuh. Ich mochte diese Grossmutter und ihre Anrufe. Aber in der weiteren Verwandtschaft galt sie als etwas spezielle Person und genoss wenig Sympathien. Ihr Mann, also mein Grossvater, verlor im Krieg das Leben. Ich habe auch noch einen Onkel im Krieg verloren, und einer seiner Söhne wurde vor den Augen der ganzen Familie von den Soldaten der Armee gefoltert und umgebracht. Ich kannte den Onkel nicht sehr nahe, aber ich kannte ihn. Und ja: Alle seine übrigen Söhne waren danach vom Krieg gezeichnet, waren seelisch zerstörte Menschen. Keiner von ihnen hat je geheiratet, sie trauten der Gesellschaft, den Menschen nicht mehr.

Aufgewachsen bin ich in Patzicía. Diese Stadt, sowie San Juan Comalapa, San Martin Jilotepeque und Tepcan Guatemala (nördlich von Iximché) waren im Departement Chimaltenango am ärgsten vom CAI betroffen. Meine Eltern suchten uns zu schützen, so gut sie konnten. ‘Was sagen, wenn man nach der ADRESSE GEFRAGT WIRD, WO MAN WOHNE.’ ‘NICHT ZU VIEL UND NICHT ZU WENIG SAGEN’, das war die Devise. Besonders heikel war es, wenn die Soldaten, manchmal zivil gekleidet und unauffällig, nach Adressen der Gemeindeleiter fragten, denn diese wollten sie entführen und danach umbringen. Es gab Leute, die Angaben machten, um nicht selbst entführt zu werden. Am gefährlichsten war es, wenn jemand in den Verdacht geriet, mit der Revolutionären Partei zusammen zu arbeiten.»

«War das die URNG [Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca]?»

“Ja. Und am besten war es eigentlich, wenn wir Kinder gar nichts wussten, d.h. eben nur das Allernötigste. Mein Vater wollte uns unbedingt schützen, wie das jeder gute Vater will.

Die Armee liess auch Gesetze ändern. Zum Beispiel durfte ein Indigener keinen eigenen Betrieb führen. Es wäre das Allerwenigste gewesen, mindestens darüber klar zu informieren, aber mitnichten! Sich als Indigener registrieren zu lassen, war gefährlich. Sich nicht registrieren lassen, war ebenfalls gefährlich und dazu strafbar. Was bleibt Dir da noch übrig?

Es gibt ein Ereignis, das ich nie vergessen werde: Ich war damals 8-jährig. Wir spielten im Park Drachen-Steigen. Bei uns gab es nämlich die Tradition, dass die Kinder am 1. November einen Drachen geschenkt bekommen. Und der muss doch dann fliegen, und zwar möglichst hoch! So waren wir Buben vertieft in diesen lustvollen Wettbewerb der Drachen. Auf einmal näherte sich ein rotes Auto und parkierte ganz nahe. Zwei Minuten später kam ein schwarzes Auto. Soldaten stiegen aus und begannen zu schiessen und Menschen im Park zu jagen. ‘Komm, schnell, weg von hier!’, riefen mir meine Freunde zu. Ich hörte nicht auf sie, denn ich wollte auf keinen Fall meinen Drachen verlieren. Es gab danach auch ausserhalb des Parks Tumult. «Schnell, rette dich!» Endlich begriff ich, dass ich den Drachen vergessen musste, und rannte den anderen hinterher. Ich rannte um mein Leben, und wie! Zu Hause befahl der Vater, wir müssten uns unter dem Bett verstecken und dort ganz stillliegen. Es war 3 Uhr nachmittags. Wir mussten bis 7 Uhr abends dort liegen bleiben, mäuschenstill und eingeschlossen in unserem Zimmer.

Dann ging der Vater im Park nachsehen. Ich ging auch mit. Es waren viele Leute dabei. Im Park am Boden lag eine erschossene Frau, zwei erschossene Männer und eine Jugendliche von ca. 13 Jahren, ebenfalls umgebracht. Ich werde das nie vergessen.»

«So etwas bleibt, nicht wahr?»

«Ja, und die Erinnerung kann immer wieder zurückkehren.

Der andere Grossvater hat 1944 erlebt, wie er von Santiago Atitlán vertrieben wurde. Er konnte nie mit uns darüber reden. Aber er hat eine Aufzeichnung gemacht, eine Aufnahme, wo er aus seiner Geschichte und den Erfahrungen erzählt. Damit diese nicht vergessen gehen, sagte er. Zum Beispiel, dass er 2 Monate lang versteckt in einem Erdloch leben musste……

Mein Vater hat der Mutter nach dem CAI, als er die Ausbildung als Lehrer fertig hatte, zu Hause das Lesen und Schreiben ebenfalls beigebracht. Und wir Kinder waren natürlich auch begierig mit dabei. Ich kann mich noch genau an den Tisch erinnern, wo wir zusammen lernten. Ja, ich habe gute Eltern.»

«Sie könnten auch ein Lehrer sein! Sie haben so eindrücklich erzählt. Vielen herzlichen Dank!»

Als Touristin in Panachajel

Karte und Bild aus dem Museo Casa Kak’chikel in Panachajel – sie dokumentieren m.E. die den Indios zugeschriebene Folklore- oder Vorzeigeseite vor ca. 100 Jahren

Im Museum Lacustre in Panachajel las ich, dass die indigenen Kak’chikeles und Tz’utujiles, welche in der Region des Lago lebten, unter den Gesetzen, welche Jorge Ubico, Präsident von Guatemala zwischen 1951-1954[3] schuf (v.a. unter dem ‘Gesetz über Strassenwesen und Vagabundentum/Leyes de Vialidad[3] y Vagancia’[4]), erneut in sklavenhafte Abhängigkeit von den Grossgrundbesitzern gedrängt wurden. Um dem zu entgehen, flohen viele von ihnen und begannen damit, Textilien zu fertigen und zu verkaufen. Heute bieten unzählige Stände in Panachajel Handarbeiten an, aber es gibt nur wenige KäuferInnen.

Handarbeiten vom Markt in Panachajel, Juli 2017

Die Farben indigener Textilkunst haben stets eine Bedeutung, vgl. die vier Farben für die Himmelsrichtungen im Zeremonialkult der Mayas[6]. Das Muster ∑ bedeutet ‘Schlange mit Federn’.[7] Wenn man vier solche Zeichen zusammensetzt, entsteht ein Stern. Und der Stern als Ganzes bildet ab, dass Mann und Frau gleichen Wert haben.[8] Auch die Farben der Kleider sollen eine Bedeutung ausdrücken. Sie zeigen z.B. Freude, Dankbarkeit, haben Bedeutung in der Zeremonie oder drücken ganz allgemein die Tätigkeit aus, die jemand ausübt. Wenn jemand in die Kirche geht oder sich anderswo aus- und weiterbilden will, trägt er helle, sanfte Farben, z.B. orange oder gelb.

Wie ausdrucksreich ist doch diese Kultur und wie bedeutungsvoll!

Oben: Farben und Formen mit Bedeutung. Unten: Stickerei aus privatem Besitz.

Aarberg, Doris Wili, im September 2017

FUSSNOTEN

[1] Innerhalb der Ethnie der Mayas gibt es 22 verschiedene Sprachen in Guatemala. Die wichtigsten indigenen Sprachen sind: Quichés, Mam, Kak’chikel und Kekchi. Die Xincas sind eine eigene Ethnie.

[2] Der Schein trügt: Der See ist sehr stark verschmutzt. Vgl.: https://www.google.ch/search?q=Lago+de+Atitlan+UND+Contaminacion&tbm=isch&imgil=uT5FLwR7O3PCGM%253A%253Boq9BUJ0uqizV_M%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.guatelog.com%25252Flog%25252F160%25252FContaminacion-del-lago-de-Atitlan.html&source=iu&pf=m&fir=uT5FLwR7O3PCGM%253A%252Coq9BUJ0uqizV_M%252C_&usg=__—n1OxXKnyQhLrGjrbESLCSirQ%3D&biw=931&bih=467&ved=0ahUKEwj3jpHoiZ_WAhXKERQKHYnPA_kQyjcIMg&ei=TIa3Wfe4PMqjUImfj8gP#imgrc=_&spf=1505199732326 (12.09.2017). Die frühere Vizepräsidentin unter Otto Perez de Molina, Roxana Baldetti, ist unter anderem zurzeit angeklagt für einen Betrug im Rahmen eines ‘Reinigungsprogramms’ für den Lago de Amatitlán, den anderen Vorzeigesee Guatemalas. Dieser ist kleiner und liegt nur 30 km südlich von Guatemala-Stadt. Vgl. http://www.bbc.com/mundo/noticias/2016/03/160313_guatemala_lago_contaminacion_fraude_baldetti_men . Der Lago de Atitlán liesse sich vielleicht noch sanieren, wird gesagt, vgl. http://www.prensalibre.com/guatemala/solola/quedarian-siete-aos-para-rescatar-el-lago-de-atitlan (12.09.2017)

[3] Er lebte von 1878-1946. Bei seiner ‘Wahl’ zum Präsidenten war er der einzige zur Wahl stehende Kandidat gewesen. Zuvor hatte er als General der Armee gedient. Jorge Ubico machte der United Fruit Company (UFC) aus den Vereinigten Staaten, der allmächtigen Bananenproduzentin und heutigen Chiquita, und anderen reichen Landeigentümern grosse Konzessionen. Vgl. https://es.wikipedia.org/wiki/Jorge_Ubico_Casta%C3%B1eda (20.08.2017).

[4] http://leygt.blogspot.ch/2013/11/ley-de-vialidad-ubico.html (20.08.2017).

[5] http://www.asamblea.gob.ni/stp-pia/Ley2_g.pdf (20.08.2017). Ubico war 1934 noch Staatssekretär der Abteilung Regierung und Recht. Vgl. auch das Gesetz von 1878, welches noch von Präsident Rufino Barrios erlassen worden war, http://leygt.blogspot.ch/2013/11/ley-contra-la-vagancia-jrb.html (20.08.2017).

[6] Rot bedeutet Osten, Westen ist schwarz. Der Süden ist gelb und der Norden weiss. Im Zentrum steht die Farbe Grün, Symbol für den Mais und den Edelstein Jade.

[7] Die Schlange mit Federn stellt eine Gottheit der Mythologie der Maya dar. Sie wird verbunden mit dem Wasser, dem Wind und der Liebe.

[8] Im Mayakult sind Mann und Frau auch bei der Amtsausübung als gleichberechtigt anerkannt. Bedingung ist für beide die Ausbildung als SpirituelleR FührerIn/Guía Espiritual.

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