Frieden von unten: 30 Jahre ATCC

Ein ganz besonderes Highlight unseres kurzen Einsatzes in Kolumbien fand letztes Wochenende in La India statt, in der Provinz Santander: Die ATCC (Vereinigung der Arbeiter und Bauern der Cararegegend) feierte ihren 30. Jahrestag mit einem dreitägigen vielseitigen Programm. Aus allen ‚unseren’ Comunidades waren die wichtigsten Vertreter eingeladen, und wir wurden gebeten diese zu begleiten. Nun mag ein Jubiläum eines Bauernvereins nicht sehr aufregend klingen, aber die ATCC ist ein aussergewöhnliches Beispiel zivilen Widerstandes mit einer aussergewöhnlichen Geschichte. Auch war sie die erste Organisation, die Peace Watch Switzerland begleitete, als die NGO vor 9 Jahren mit der Arbeit in Kolumbien begann. Entsprechend freudig wurden wir begrüsst.

Bereits vor dreissig Jahren, im Frühling 1987, lange bevor sich die Regierung Santos in Havanna und neuerlich auch in Quito mit der FARC und der ELN an den Verhandlungstisch setzte, gelang es den Gründern der ATCC mit drei bewaffneten Akteuren ein Stillhalteabkommen auszuhandeln. Die Dorfbevölkerung in diesem Brennpunkt der Gewalt litt seit den 70er Jahren unter den schlimmsten Ausschreitungen von Militär und Paramilitärs ebenso wie unter der Guerilla. 600 Menschen waren ermordet worden, zahllose wurden vertrieben oder blieben ‚verschwunden’. Vom Militär vor die Wahl gestellt, sich für eine Seite zu entscheiden oder die Gegend zu verlassen, erbaten die Dorfältesten von La India von der Guerilla eine Garantie, dass diese nicht mehr ins Dorf kommen und keine Dienste und Versorgung mehr von der Bevölkerung fordern solle. Die FARC akzeptierte und daraufhin liessen auch Militär und Paras das Dorf in Ruhe, innerhalb klar abgesprochener Grenzen. Dieser Geschichte wurde am letzten Tag der Feierlichkeiten gedacht, auf einem Ausflug in den balsas, den langen Holzbooten, an den historischen Treffpunkt mitten in einer versteckten Lichtung am Ufer des Carare Flusses, wo eine bescheidene Betonsäule an das schicksalhafte Treffen zwischen der Guerilla Führung und den ATCC Abgeordneten erinnert.

Obwohl individuelle Verhandlungen mit der Guerilla absolut verboten waren, erhielt die ATCC drei Jahre später, 1990 den Alternativen Friedens Nobelpreis, den Right Livelihood Award, für ihre mutige Initiative. Es wurde aber auch öfters während Schweigeminuten dreier Gründungsmitglieder und einer BBC Journalistin gedacht, die in Missachtung des Friedensschlusses von Paramilitärs ermordet wurden, als sie in einem Café ein Interview durchführen wollten. – Mit Recht sind die Mitglieder der ATCC stolz auf ihre Geschichte, sie bildet einen wichtigen Teil der Identität dieser Vereinigung.

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Bedrückende Wandmalerei zur Geschichte von La India
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Gedenkfahrt auf dem Río Carare
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Nachdenkliche Florence in La Zarza – historischer Treffpunkt

Doch an diesen drei glühendheissen Tagen ging es auch um die Zukunft der Bauernsiedlungen in Santander, die unter den aufgespannten Blachen auf dem Dorfplatz von La India diskutiert wurde: Wie kann sich die ATCC einbringen und an der Umsetzung des Friedensabkommens teilhaben? Was versteht die Bevölkerung von La India unter Frieden, wie kann sie sich Gehör verschaffen in dem breiten Anhörungsprozess, der von der Regierung versprochen wurde? Wie soll eine Politik der landwirtschaftlichen Entwicklung, wie eine Landreform aussehen nach dem Friedensschluss? Wie kann die politische Teilhabe der ländlichen Bevölkerung sichergestellt werden? Welche Lösung für die Substitution des Kokaanbaus und anderer illegaler Pflanzen wird von den Bauern gewünscht? Wie sieht es aus mit der versprochenen Wiedergutmachung und Entschädigungen für die Opfer des Konfliktes, der individuellen aber vor allem der kollektiven Wiedergutmachung?

Diese Fragen werden heftig diskutiert. Die Bauern nehmen kein Blatt vor den Mund, mit eindringlichen Worten schildern sie die Vernachlässigung der Gegend durch den Staat, ihre Schwierigkeiten beim Transport und der Vermarktung ihrer Ware, da die Infrastruktur in miserablem Zustand ist. Am häufigsten aber wird die Forderung nach Fachhochschulen vor Ort laut. Die Kinder der Bauern sollen hier studieren können, es braucht Agraringenieure und Veterinärinnen, und die sollen nicht von aussen kommen. Nur so kann die nächste Generation eine Möglichkeit sehen, in der Gegend zu bleiben und Arbeit zu finden. Die Frauen fordern Unterstützung und Tiefzinskredite für Ausbildungen, um kleine Betriebe eröffnen und finanziell auf eigenen Füssen stehen zu können. – Schliesslich soll eine Art Manifest verfasst werden, zuhanden der Regierung.

Die bittere Pille an dem mit grossem Aufwand liebevoll organisierten Anlass: Von all den geladenen Gästen, Behördenvertretern, Delegierte des Innenministeriums, der Bürgermeister, der Provinzgouverneur, Vertreter von Heer und Polizei – liessen sich nur wenige blicken. Sie erschienen zur Eröffnung, begrüssten die Versammlung und beglückwünschten sie – doch am Nachmittag war keiner mehr da, um den Campesinos und Campesinas bei den Diskussionen wirklich zuzuhören. Sie hatten sich längt in ihren klimatisierten 4X4 Jeeps davongemacht. Während ihrer Anwesenheit wimmelte das Dorf von bewaffneten Soldaten und berittener Polizei. Ein Bauer meinte: „Es ist ja nett, dass wir jetzt so gut beschützt werden. Auch ganz nett wäre fliessendes Wasser.“ Diese gedankenlose Nichtbeachtung und das Ignorieren der bescheidensten Bedürfnissee der ländlichen Bevölkerung vonseiten der Behörden ist immer wieder schockierend in Kolumbien. Dass Organisationen wie die ATCC dennoch zutiefst überzeugt einen gewaltfreien Weg des zivilen Widerstandes gehen und sich immer wieder laut zu Wort melden – das war an diesen drei Tagen das Eindrücklichste, was ich bislang hier erlebt habe.

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Braulio Mosquera redet den Leuten ins Gewissen
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Debatten auf dem Dorfplatz
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Zum Schluss dürfen die kulturellen Darbietungen nicht fehlen
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